RILBFHPA

Date: 03/04/2010, 19.55 Uhr - 20.55 Uhr
Venue: Kurve, Witten
Line-Up: Betrunken im Klappstuhl, Kackreiz
Review nr. 629, Gig nr. 16 in 2010 (#/% points*).

Aus gegebenem Anlass: Bitte auch die Anmerkung am Ende des Berichtes lesen!*)

Als die Fähre am Ostersamstag in Amsterdam landete, konnten wir den Urlaubsabschlusstag in Amsterdam abschreiben. Zu gerne hätte ich die Probe aufs Exempel gemacht und meinen tatsächlichen Gewichtszuwachs im Urlaub, durch die Fähigkeit des Durchschreitens der sehr engen Gassen der niederländischen Metropole, exakt bestimmt. Doch uns beide hatten Husten, Schnupfen, Heiserkeit und glühende Birnen in die Schranken verwiesen. Die Matratze im Bully war nach dem Unwetter in Schottland inzwischen auch zu einem guten drittel durchnässt. Also schenkten wir uns den Amsterdamer Campingplatz und behielten dafür unser Leben.

Wie gut diese Entscheidung war, erfuhr ich erst wenige Stunden nach unserer Rückankunft, als ich das Rilbfhpaische Internetz-Forum betrat. Dort hatte Kumpel Fö das Konzert seiner umstrittenen Kapelle "Betrunken im Klappstuhl" angekündigt. Nur unweit unserer Behausung in der Wittener Kurve, ein kleines Gelände mit ein wenig Überdachung hier und da, am Rande einer Zugstrecke. Ein nahezu perfekter Einstieg zurück ins reale Leben. Die Vorstellung wie "Sänger" Ulf dort in gewohnter Marnier das Publikum beleidigt und dafür garantiert erstmalig die körperliche Konsequenz zu spüren bekäme, zauberte mir umgehend ein Grinsen auf die aufgeplatzten Lippen und ein Anruf bei Fö offenbarte mir, dass die Herren bereits in einer halben Stunde die nicht vorhandene Bühne betreten sollten.

Aller Vernunft zum Trotz, zog ich mir das Fieberthermometer aus dem Arsch und schmiss mich umgehend in meinen feinsten Zwirn. Freundin Sabbi traf der Pfeil der Motivation nicht so sehr, gab mir jedoch noch den fürsorglichen Tipp mit auf den Weg, nicht "aus fremden Flaschen zu trinken".

Ein weiterer Pro-Aspekt diesem gesellschaftlichen Ereignis beizuwohnen, war das Vorhandensein von Rest-Grolsch-Bier-Dosen aus dem besagten Urlaub, welche einen nicht zu unterschätzenden Blasenentleerungsdrang nach sich ziehen. Da es in der Kurve aber eh keine Rolle spielt, wo man gerade laufen lässt, eine hervorragende Gelegenheit den Lagerbestand zu reduzieren.

20 Minuten hatte ich also noch um die exakt 2,9 km zu absolvieren. Die zur Verfügung stehenden Busse standen nicht zur Verfügung, da der eine gerade weg war und der andere noch satte 25 Minuten auf sich warten lassen wollte. Also beschloss ich - alleine der Angemessenheit halber schon - mit der Taxi-Limousine vorzufahren, nur leider wagte sich kein Gefährt mit Lichtschild auf dem Buckel in meine Nähe. Was blieb war ein langer, harter Fussmarsch durch die Prärie des südöstlichen Ruhrgebietes, welchen ich dank des lebensbejahenden flüssigenden Marschgepäcks in einer guten halben Stunde erfolgreich durchlief.

Die Herren Betrunken im Klappstuhl hatten ihr umfangreiches Set bereits begonnen und warteten heute mit diversen Formationen auf. Wer gerade auf dem Stuhl hinter dem Schlagzeug - welches konsequent hinter dem riesigen Teppich aufgebaut wurde - saß, der durfte auch draufkloppen. Also zückte ich den Fotoapparat und wartete auf Ulfs erste Beleidigung samt Reaktion des Publikums, doch mein Warten sollte kein Ende nehmen.

Nachdem die Playlist maximal zu einem Viertel heruntergespielt wurde (1. Lili, 2. Lili, 3. Lili, 4. Lili, 5. Lili), welche nur durch einen Anruf auf Fö's Mobilfunktelefon unterbrochen wurde (Christian erkundigte sich nach der Zusammensetzung eines "Mexikaners" und bekam daraufhin auch eine umfangreiche Beratung des Angerufenen), betrat der stadtbekannte Punk "Aldi" die Szenerie und ermahnte die "Musikanten" jetzt mal langsam Musik zu machen, sonst würden sie umgehend von der (nicht vorhandenen) Bühne verwiesen. Schnell den ON-Knopf meines ständigen Begleiters gedrückt, stieg Ulf vorsichtshalber schnell aus der Band aus und übergab sein Musikinstrument Fö. Als dann - wie von der Band selber gefordert - erneut Lili erklang, wurde Aldi noch etwas deutlicher in seinen Worten, was die Band zum sofortigen Abbruch des Konzertes verleitete. Ich setze mich hier den Risiken einer Lungenentzündung mit Todesfolge aus, um genau den eigentlich logischen folgenden Moment zu erleben und stattdessen verlassen Betrunken im Klappstuhl kampf- und wortlos die Bühne. Meine Entäuschung ist nicht in Worte zu fassen.

In der Umbaupause unterhielt uns der eine oder andere Solokünstler durch spontane Performances, beispielsweise in Form von Gesang. Dort wurde dann von ein und der selben Person zunächst Knochenfabriks Nackter Golfer und im Anschluss Roland Kaisers Santa Maria zum besten gegeben.

Bevor Kackreiz aus Köln die Bühne betraten, konnten sich Betrunken im Klappstuhl nicht einigen, wer nun nach Gage fragt. Inzwischen hatten eh alle Mitglieder und Nicht-Mitglieder ihren Austritt erklärt und da die prozentuale Kassenbeteiligung - Eintritt war übrigens frei - offenbar eh nicht so ganz klar war, wurde mir auch dieses Schauspiel verwehrt. Ich hätte es schon recht reizvoll gefunden, wenn Ulf Aldi gefragt hätte: "Ey, wo könn wa denn unsere Gage abholen?"

Kackreiz, welche den über die Grenzen Wittens und Kölns unbekannten Fäkal-Punk präsentierten, zauberten nach mittellanger Umbaupause ein zunächst einen Song dauerndes Fäkalfeuerwerk ab. Dann versagte das Mikrofon. Komisch. Nur wenige Bands schaffen es, ihren Bandnamen und ihr Genre dermaßen perfekt musikalisch umzusetzen. Nachdem nach zehn Minuten das Problem noch immer nicht behoben werden konnte, erschütterte mich der Blick zur Uhr: Verdammt. Schon 5 vor 9. Selbst die Ex-Herren Ex-Betruken im Klappstuhl sind bereits voller Scham heimlich zum Pommes holen übergegangen und waren nicht mehr gesehen. Mein Grolschvorrat hatte sich zwar erst um 4/6 verringert, doch wäre man dumm, wenn man an solch einer himmlischen Frühsommernacht nicht erkunden würde, was Witten sonst noch so an seinen Haltestellen und Trinkhallen zu bieten hat.

Tatsächlich hatte ich Glück: An der Haltestelle unweit der Kurve sagte sich der 320er Bus in akzeptabler Zeit an. Vor mir standen zwei mit Schalkeutensilien behangene unnüchterne Individuen. Davor ein offenbar noch halbwegs nüchternes Pärchen. Sie schwieg, während er immer wieder den beiden sich ereifernden Schalkern in aller Sachlichkeit und von leichter Arroganz durchsetzt offenbarte: "Doch, doch, Dortmund wird Meister." Ein wunderbares Schauspiel. Während sich die beiden blau-weißen kaum einkriegten und angesichts der Rivalität und des Punkterückstandes der verhassten schwarz-gelben Konkurrenz, ihrem Gegenüber vehement kundtaten, dass das völliger Blödsinn sei, entgegnete dieser nur immer wieder aufs neue und ohne eine Miene zu verziehen: "Doch, doch, Dortmund wird Meister." Nachdem sich diese Endlosschleife dann durch das Einfahren des für die Schalker bestimmten Busses leider doch dem Abschluss neigte, ergriff völlig unerwartet die Dame des zurückbleibenden Duos das Wort: "Boahr, ey, mit Schalka kannze echt nich diskutian." Mein Mund schloss sich erst wieder nach gefühlten 20 Minuten.

Zum ungefähr gleichen Zeitpunkt öffnete ich die Haustür, zog mich am Geländer erschöpft nach oben, steckte mir das Fieberthermometer wieder in meinen Ausgang und schlummerte mit der Gewißheit ein, dass ich gar nicht 1000 km weit weg sein muss, um mich irgendwie sowas wie heimisch fühlen zu können.

Tipps für die Zukunft: Heute, 04.04.2010 Bahia de Cochinos/Castrop Rauxel: No Shame (FIN), Support: Defecation Area; Sa.10.04.2010 Honigfabrik, HH-Harburg: Dr. Ring Ding + The Kleins; Fr. 16.04.2010 Panic Room Essen: Karate Disco + Zwakkelmann (Doppel-Release-Party, Eintritt frei).

*) Hier die zu Beginn angedrohte Anmerkung für alle Menschen, die hier zum ersten mal einen Bericht lesen und/oder die - so wie in diesem Fall - das eine oder andere in den falschen Hals bekommen: Die Berichte auf dieser Homepage sind von jemandem geschrieben, der seit gut gut 20 Jahren durch die hiesige "Szene" torkelt und sich mit dieser auch identifiziert (so viel ganz sicher hier und da mal schiefläuft oder ankotzt). Die Art und Weise, wie er sich mit dieser "Szene" auseinandersetzt erfolgt nicht selten auf (selbst-)ironischer Art. Dieses geschieht zum Beispiel dadurch, dass Bilder, die die/der "DurschnittsbürgerIn" in vielen erlebten Situationen von "unserer kleinen subkulturellen Nische" bekommt (bekommen würde), überspitzt dargestellt werden. Speziell auf diesen Bericht gezogen bedeutet das: Die Kurve ist ein Paradebeispiel für eine Lebensform abseits der bürgerlichen Gesellschaft und für Menschen wie mich eine "Location", wie sie liebenswerter kaum sein kann. Hier ist es nicht steril, hier will keiner Geld verdienen und hier legt keiner Wert darauf, was die/der andere für Klamotten trägt. Kurz gesagt: Hier ist jedeR gleich, was außerhalb dieser und anderer kleinen Nischen nicht der Fall ist. Hier wird vieles von dem, was uns sonst so ankotzt, eben anders gelebt. Für "Außenstehende", die an so einem Abend aus ihrer heilen bürgerlichen Welt in die Kurve gebeamt werden würden, sieht dieses Bild jedoch ganz anders aus: Ein Haufen voller Assis in einer heruntergekommenen Umgebung, wo sicher überall hingepisst wird und besser mal aufpassen, dass man mit keinem in körperlichen Kontakt kommt. Wenn ich sowas höre, kann ich persönlich inzwischen lachen und stelle es liebend gerne übertrieben dar. Die Leute, die die Berichte hier regelmäßig lesen, wissen, wie ich sowas meine und mögen die Schreibe auch - sonst würden sie nicht regelmäßig wiederkommen. Viele ErstleserInnen erkennen auch die überspitzte Darstellung, andere sind möglichweise zunächst einmal irritiert, verstehen aber meistens, dass diese ("Szene"-selbst-)ironische Darstellung nur eine Stilform darstellt. Und diejenigen, die genau DAS denken, was sie vom Schreiber zu lesen bekommen, weil sie in ihrer kleinen heilen Welt leben, für die hab ich eh nur ein müdes Arschrunzeln übrig.

Dass in diesem Fall (Bericht) sich die/der eine oder andere ein wenig ans Bein gepisst fühlte, kann ich trotzdem nachvollziehen. Und deswegen auch ein großes SORRY, falls hier was falsch rüberkam. Um es auf den Punkt zu bringen: Selbstverständlich darf man auch in der Kurve nicht in jede Ecke pissen und die Kurve ist auch keine Krankheitserregerverbreiterin! Das mögen eben die, die meinen über uns zu stehen, so sehen - und da meine kleine Welt nun mal sehr "selbstironisch" aufgebaut ist (um die ganze Scheiße überhaupt ertragen zu können, hat mich diese Selbstironie schon oft aus meinem Selbstmitleid und/oder meiner Wut, herausbefördert), werde ich auch in Zukunft gerne "ein wenig  übertreiben". Ja, für die/den eineN oder andereN mag das nicht lustig sein und jedeR geht mit ihrem/seinem (selbstgewählten?) "Schicksal" anders um. Ich aber ziehe es bei aller Ernsthaftigkeit vor, das "Thema" und die Welt so zu verarbeiten. Ein "anders sein" beinhaltet für mich nicht, dass diejenigen, die die "Norm darstellen" die "Anderen" verstehen und respektieren müssen. Schön wär´s, aber wenn es nun mal nicht so ist: Fuck Off!! Und mit den paar Zeilen, die hier ein paar wenige Leute lesen, werde ich bestimmt auch weder was verschlimmern, noch etwas verbessern.

Und letztendlich hat hier jeder, dem irgendwas böse aufstößt, die Möglichkeit mit mir Kontakt aufzunehmen oder sogar direkt seinen Senf im Kommentarfeld zu hinterlassen. Und solange es so Leute gibt, wie denjenigen, der mich auf diesen Bericht direkt persönlich angesprochen hat (und genau SO muss das sein), habe ich auch keine Befürchtung, dass ich irgendwas zerstören könnte...

Und last but not least: "Nur wenige Bands schaffen es, ihren Bandnamen und ihr Genre dermaßen perfekt musikalisch umzusetzen." ist ein Kompliment. "Geile Scheiße!" eben... :)

Bleibt anders, bleibt bunt!! Prösterchen... 

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