6 Points* (Bericht 05/2012 - 799)*

04.02.2012, Essen (Freak Show)

PANDORA
WINSTON

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Aufgrund geographischer Gründe und Begebenheiten sowieso, nächtigten wir nach dem Konzert in unserem dekadenten Zweitwohnsitz im malerischen Essener Norden. Das hat einen entscheidendendären Nachteil: Während nahe unseres noch dekadenteren Erstwohnsitzes im noch malerischerentämtäm Witten der Brötchenauswahltechnisch welt(!)beste Bäcker auf der Welt (!!) hausiert, befindet sich in ähnlicher Gehweite in Essen der wohl beschissenste Bäcker des - nah? - genau: Universums. Und leider auch der einzige, der im Umkreis von weit und breit, am Sonntag seine Glaspforte für mich öffnet. Aber hilft ja alles nix, denn wer schmiert sich schon gerne die Pastete auf den Sojaaufschnitt anstatt beides getrennt voneinander auf zwei Brötchenhälften. Da ist eine ganze Menge Denksport von Nöten und so tingeltangelte ich frohen Mutes zu besagter Glaspforte und starrte in eine Menschen- und Brötchenleere Auslage. Und das um kurz vor 9 (sorry, aber ich muss ja auch mal irgendwann ausschlafen), wahrlich keine Zeit, an der im Regelfall Sonntags die Menschheit gerade keine Brötchen haben will.

"Oh, Brötchen schon alle weg?" - "Näh!" - "?" - "Im Ofen." - "Ah, OK. Wie lange dauert dat denn noch?" - "Dat dauert." Als ich ganz kurz den Kopf hob und der in die Jahre gekommenen Brötchenfachverkäuferin für den Bruchteil einer Sekunde ins Gesicht schaute, spürte ich etwas merkwürdiges. Denn die charmante Dame rauchte nicht, obwohl sie eindeutig so aussah, als wenn sie es zwischen Bröchenbackautomat und Kaffekanne tun würde. Und zwar immer. Zigarette mindestens. Meine Verwunderung (und das was ich meine), ist schwer zu beschreiben. Aber diejenigen unter Euch, die schon mal einer solchen Person begegnet sind, die verstehen, was ich meine. Was laber ich: Zumindest diejenigen, die ihr Internetempfangsgerät im Ruhrpott eingeschaltet und vielleicht vorher noch an der Bude umme Ecke ihren Frühstückskorn genossen haben, wissen genau, was ich meine.

"Dann nimm ich da zwei von die, mit die Körners und wat is dat da?" - "Roggen." - "Jau, dann noch zwei Roggenbrötchen." Ich bin ja leicht zufrieden zu stellen. "Und noch ´n Kaffee für unterwegs." - Ungläubige Blicke starrten mich an, doch nach kurzer Gedankenüberlegungspause, aschte Erna kurz imaginär ab, trottelte zur Kaffeekanne und befüllte einen Becher für mich. Eigentlich hätte ich mit einem "Meinse ´nen Kaffee tuh gaou?" gerechnet, aber den Gefallen tat sie mir nicht. Und Körnerbrötchen mag ich ja eh lieber, wenn sie nicht gerade so aussehen, als sein se von vorvorgestern.

Von vorvorgestern sind auch die derzeitgen Temperaturen. Vorvorgestern war Eiszeit. Minus 7 Grad, gefühlte minus 77. Angesichts meiner Abneigung gegen diese Kälte würd ich sogar minus 88 behaupten. Die Gesamtanreisezeit von Haustür bis zur Theke habe ich mit 45 Minuten berechnet. Davon 10 Minuten Fussweg zur ersten Haltestelle, 5 Minuten Puffer für die Bude, 9 Minuten U-Bahn, 12 Minuten Umsteigezeit (inkl. Puffer für die Bude), 3 Minuten S-Bahn und 5 Minuten Fussweg die Zweite. Das liegt im Rahmen des erträglichen. In der U-Bahn sitzen uns zwei junge Frauen gegenüber, über die ich irgendwie doch gar kein Wort zu viel verlieren muss. Meine Fresse... MEINE FRESSE!!

Die 12 minütige Umsteigung versüsst uns ein Typ, der mit drei Autroradios inklusive Halterung und nem Schraubenzieher in der Hand, gut gelaunt durch den Hauptbahnhof schlendert. Sein Aussehen und Outfit lassen die anderen Anwesenden vermutlich darauf schließen, dass die Aneignung der Geräte möglicherweise nicht Gesetzeskonform vonstatten ging. Wir hingegen wissen dank unserer Sozialisierung zum Glück, dass auch Banker mit Krawatte Autoradiodiebe sein können. Beziehungsweise könnten. Wie auch immer. Das Hochziehen unserer Mundwinkel rettet uns vor dem unsicheren Kältetod.

Erstmalig (glaub ich) in der kurzen Geschichte der Freak Show wird für die Liverdarbietung Eintritt verlangt: 6 Euro. Es mag sich schwachsinnig anhören, aber ich finde das nicht nur völlig berechtigt, sondern fast schon gut. Denn bei diesen "Eintritt frei-"Kneipenkonzerten hat man häufig eine Menge Leute rumhängen, die überhaupt keinen Bock auf Livemucke haben, bzw. denen das am Arsch vorbei geht. Das ist in erster Linie für die Bands scheiße, die von der Bühne aus auf die Hinterköpfe der Besagten starren. Dann lieber ´n paar Ocken Eintritt nehmen, ´n paar Leute weniger in der Bude haben, aber (fast) ausschließlich welche, die auch wegen der Bands da sind. Am Ende dürften es so ca. 70-80 davon gewesen sein, die die Freak Show schon recht ansehnlich füllten. Vielleicht entwickelt sich ja hier doch noch sowas, wie ein Sonic Ballroom. Ich fänd´s super. Mein Portemonnaie (bzw. Portmaneeh) nicht so, aber das hat ja zum Glück keinen Mund zum reden.

Winston eröffneten den Abend. Seeehr Nirvana-naher Sound und für meinen Geschmack schon zu nah. Mir fehlte da das Quentchen Eigenständigkeit, so dass der "wenn ich Nirvana sehen willen, guck ich mir das Original an"-Gedanke zwangsläufig kam. Obwohl das ja gar nicht mehr geht. Der Großteil der Anwesenden war hingegen begeistert und forderte vehement Zugabe, was angesichts der defekten Gitarre jedoch verwehrt blieb (obwohl anders lautender Gerüchte der Basser sich mit seinem Instrument die Zähne ausgeschlagen hat - aber das packen wir mal in die Kategorie "Ironie"). Lars S. schwärmte uns im Vorfeld bereits von Winston vor, war aber hinterher auch - im Vergleich früherer Auftritte - enttäuscht. Wie auch immer: Die meisten fanden´s klasse, also haben die jungen Männer wahrscheinlich doch alles richtig gemacht. Und mir muss ja auch nicht alles gefallen.

Das änderte sich dann zum Glück mit dem Auftritt von Pandora, die im Grunde einen sehr ähnlichen Weg gehen: Kurt Cobain schwebt quasi ständig über der Bühne, doch haben Pandora dabei den gewissen Kick Eigentständigkeit, was nicht nur daran liegt, dass sie mit einer äußerst charismatischen Sängerin aufwarten. Ich bin ja eigentlich nicht so sehr Freund dieser ungegrungten Punkrockvariante (wenn man´s denn so nennen mag), aber Pandora wissen mich auch dieses mal mitzureißen und zu begeistern. Irgendwie schafft diese Band es trotz des zwangsläufigen Vergleichs, genau die Eigenständigkeit zu versprühen, die das gewisse etwas und die Besonderheit dieser Band ausmacht. Ich bin auf jeden Fall einmal mehr verdammt angetan.

Absolut erstaunt bin ich, dass ich von meinem näheren sozialen Umfeld heute offenbar der letzte bin, der sich noch in der Pinte aufhält. Klar, Sabbi hockt auch noch neben mir und auch Tuffy hat sich entschieden mit uns abzuhauen. Aber Lars und Brina sind tatsächlich bereits vor uns gegangen. Haben wir etwa einen Tag und eine Nacht verpasst? Ist schon Montag? Wir müssen auf jeden Fall den Nachtexpress kriegen, sonst ist doof und so reißen wir uns wohl oder übel los um einmal über den Grendplatz zu stolpern und im Bus weich zu landen.

Feiner Abend in großartigem Ambiente und so langsam verabschieden sich sogar schon meine Kopfschmerzen. Ich wünsch ´n ungesegneten Sonntag.


Disclaimer oder sowas: Sollte sich irgendjemand auf den Schlips getreten fühlen, so ist persönliches Nachfragen die beste Option. Die Berichte sind häufig von solch famosen Stilblüten wie Ironie, Zynismus, Satire, Übertreibungen usw. geprägt, so dass diverse Äußerungen möglicherweise in einen falschen Hals gelangen könnten. Wer es immer noch nicht verstanden hat und viel zu viel Zeit hat, empfehle ich diese Zeilen.


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 *) Die da ganz oben inne Ecke vergebenen Points beziehen sich ausschließlich auf die subjektive Qualität meines persönlichen Wohlbefindens an diesem Abend und haben somit nur sehr, sehr und vor allem sehr bedingt etwas mit den Bands selber zu tun. Die Zahl dient mir dazu, um mit nur einem Blick zu erkennen, ob es sich für mich im Alter lohnt, mich irgendwann mal an diesen Abend zurück zu erinnern. Der Rest ist ebenfalls für die Statistik: Das war Konzertbericht Nr. XX in 2012 (1.Zahl/2012) und in diesem Onlinzine der insgesamt XXX. Bericht (2. Zahl).